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WDR3 - Hörfunk
Buchbesprechung "Musik: Philip Glass" Einstein, Ghandi, Echnaton - Philip Glass berichtet über die Entstehung seiner drei "Portrait-Opern"

Bereits 1987 erschien das Buch "Music by Philip Glass" in den USA. Darin beschreibt der 1937 geborene amerikanische Erfolgskomponist, wie seine drei berühmten Opern "Einstein on the Beach", "Satyagraha" und "Echnaton" entstanden und reflektiert über das Komponieren und das Musiktheater im allgemeinen. Kein deutscher Verlag hat das Buch in der Zwischenzeit herausgebracht, erst jetzt ist es bei Sargos in Berlin mit dem Titel "Musik: Philip Glass" erschienen. Spät, aber nicht zu spät, denn die Hintergrundberichte zu drei wichtigen zeitgenössischen Opern-Uraufführungen sind auch jetzt mit einem zeitlichen Abstand spannend und aufschlußreich. "Musik: Philip Glass". Preis: DM 42,00.

Die "Musikszene" sendet eine Buchbesprechung von Stefan Keim am 10. August, 12.20 - 13.00 Uhr, WDR 3.


Musik Einstein on the Beach Train 1

Es war der 25. Juli 1976. Beim Theaterfestival in Avignon hatte ein Stück Premiere, bei dem zwei nicht mehr ganz unbekannte, aber noch lange nicht prominente Künstler aus den USA erstmals zusammenarbeiteten: Robert Wilson und Philip Glass zeigten "Einstein on the Beach", ein triumphaler Erfolg, dem eine Tour durch die europäischen Festivals und zwei begeistert aufgenommene Vorstellungen in der New Yorker Met folgten. Weit über vier Stunden dauerte die Aufführung, Glass und Wilson hatten es sich so vorgestellt, daß die Zuschauer durchaus mal leise aufstehen und sich was zu trinken holen könnten, um das Mammutwerk durchzuhalten. In dem Buch "Musik: Philip Glass" erzählt der Komponist ausführlich, wie dieses Stück zustandekam. Wilson und er hatten sich in New York kennengelernt und trafen sich erstmal ein Jahr lang immer donnerstags zum Mittagessen, um Ideen zu diskutieren. So entstand langsam ein dramaturgisches Gerüst aus Bildern und Stimmungen. Erst als viele grundlegende Dinge geklärt waren, begann Glass mit der Komposition. So arbeitet er dann später auch bei seinen beiden anderen sogenannten Porträt-Opern. Er wühlt sich ins Thema hinein, liest, reist, beobachtet, spricht mit allen möglichen Leuten. Komponieren ist für ihn keine weltabgewandte Angelegenheit, im Gegenteil. Obwohl Glass auch viele Konzerstücke geschrieben und seit Beginn der siebziger Jahre sein eigenes Ensemble für seine Stücke hatte, bezeichnet er sich vor allem als Theatermusiker. Seine Berichte zeigen, daß er alles im Blick hatte. Glass weiß nicht nur, wie lang die Umbauten dauern - darauf muß er ja seine Musik abstimmen -, er weiß auch, warum es nicht schneller geht. "Einstein on the Beach" war nicht nur ein technisches und künstlerisches, sondern auch ein finanzielles Abenteuer. Trotz des enormen Erfolges blieben am Schluß 90 000 Dollar Schulden.

Sprecher: Mein Leben schien sich durch die Erfahrung mit "Einstein" nicht dramatisch verändert zu haben. Ich kehrte zu meiner Arbeit als Taxifahrer zurück, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen, wie ich das in den siebziger Jahren die meiste Zeit über gemacht hatte. Ich kann mich lebhaft an den Moment erinnern, kurz nach dem Abenteuer in der Met, als eine gut gekleidete Frau mein Taxi bestieg, und, nachdem sie den Namen des Fahrers bemerkt hatte (das Gesetz in New York verlangt, daß der Name und das Foto des Taxifahrers klar zu sehen sein müssen), sich nach vorne lehnte und sagte: "Junger Mann, sind Sie sich dessen bewußt, daß Sie den gleichen Namen haben wie ein sehr berühmter Komponist?"

Die Texte von Philip Glass lassen sich unterhaltsam lesen und sind allgemeinverständlich geschrieben. Sogar die Zwölftontechnik erwähnt er nicht, ohne kurz zu erklären, worum es geht. Trotzdem kommen auch Fachleute auf ihre Kosten. Die musikalischen Strukturen der Opern werden jeweils knapp und präzise analysiert, alle drei Libretti sind komplett abgedruckt.

Glass schreibt einen schlanken Stil ohne überflüssige Adjektive und Schlenker. Anekdoten sind niemals Selbstzweck, sondern dienen der Vertiefung. Menschen, mit denen er zusammenarbeitete, kommen einem gerade durch die Kürze der Beschreibung plastisch vor Augen. Zum Beispiel Samuel M. Johnson, der alte schwarze Schauspieler, aus "Einstein on the Beach". Ein Mann, der so eine Würde ausstrahlte, daß ihn niemand mit dem Vornamen ansprach, der sich in den Pausen immer ein wenig abseits vom Ensemble aufhielt und dann auf Robert Wilsons Frage, ob er sich selbst einen Text schreiben könnte, Sätze verfaßte, die perfekt ins Stück paßten. Noch nach Jahren der Zusammenarbeit redete man sich mit Mr. Johnson und Mr. Glass an. Die persönliche Distanz blieb trotz der künstlerischen Nähe.

Musik Einstein on the Beach All Men are Equal

Sprecher: In den vier Monaten, in denen wir mit "Einstein" in Europa auf Tournee waren, hatten wir oft Gelegenheit, mit unserem Publikum zu sprechen, und die Leute fragten uns gelegentlich, was es zu "bedeuten" hätte. Aber viel öfters sagten uns die Menschen, was es für sie bedeutete, manchmal gaben sie uns sogar Erklärungen für die Handlung und das komplette Szenario. Das Wesentliche bei "Einstein" war eindeutig nicht das, was es "bedeutete", sondern daß es bedeutungsvoll war insofern, wie es von den Leuten, die es sahen, allgemein erfahren wurde.

Dieses künstlerische Credo von Philip Glass - Bedeutungsfülle statt Bedeutung - findet sich auch in den Opern "Satyagraha" und "Echnaton". Hier näherte sich Glass mehr der Konvention der Oper, weil seine Stücke aufgrund der technischen Voraussetzungen eben nur in Opernhäusern gespielt werden konnten. Glass beschreibt genau, wie die Stücke entstanden, welche Ideen er wieder verworfen hat, warum zum Beispiel der Pharao Echnaton ein Countertenor sein mußte und wieso er als Sprache für die Gandhi-Oper "Satyagraha" das traditionelle indische Sanskrit gewählt hat. Ausführlich erläutert er auch die Hintergründe seiner Trilogie: Einstein, der Wissenschaftler, ein Idol seiner Jugend, Gandhi, der Politiker, der trotz vieler Demütigungen seine Ziele gewaltfrei erreichte, und Echnaton, der Pharao, der als erster an nur einen Gott glaubte und die monotheistische Religion erfand. Das Buch schließt mit einem optimistischen Plädoyer für ein zeitgenössisches Musiktheater, das zugleich anspruchsvoll und populär sein kann.

Ebenso interessant wie die Einblicke in die Musiktheaterwerkstatt von Philip Glass ist die Schilderung seiner musikalischen Entwicklung. Wie so viele Amerikaner seiner Generation ging er nach Paris, um bei Nadia Boulanger zu studieren. Auf fünf Seiten gelingt es Glass, diese einzigartige Persönlichkeit lebendig werden zu lassen, die aristokratisch wirkende Französin, die selten lobte und sich das Mittagessen während des Unterrichts auf das Klavier stellen ließ. Philip Glass hat sich übrigens schon früh seine Arbeitszeit genau eingeteilt. Sprecher: Als ich noch Teenager war, habe ich mich gezwungen, jeden Morgen zu einer vorgegebenen Zeit zu komponieren, und ich zwang mich auch, um 13 Uhr aufzuhören. Ich weigerte mich, musikalische Ideen - auch wenn sie mir kamen - während der anderen Stunden aufzuschreiben. Man könnte vielleicht sagen, daß ich die Muse trainiert habe, zu mir in meinen Stunden zu kommen und nicht in ihren. Schon seit Jahren habe ich meine Ideen am Morgen und niemals nachmittags bekommen.

Immer konnte er sich an diesen Tagesablauf jedoch nicht halten, wenn zum Beispiel in den Endproben einer Oper plötzlich klar wird, daß eine längere Musik für die Umbauten benötigt wird, oder - wie bei "Einstein on the Beach" - plötzlich eine Sängerin vor Glass steht und sagt: Ich bin die Solo-Sopranistin, aber ich hab noch keine gescheite Arie. Schreib mir eine. Was Glass tat und - wie er selbst sagt - zu einem der intensivsten Momente der ganzen Aufführung wurde.

Musik Einstein on the Beach Aria

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